Kadettentage
Der Bund

Die Kadettenhochburg Thun ist Gastgeberin der eidgenössischen Kadettentage. Der militärische Drill ist dem Sport gewichen, und Mädchen gehören heute ebenso dazu wie Knaben. Das Thuner Kadettenkorps bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen gesellschaftlichem Wandel und Bewahrung der Tradition.

Mit roten Wangen steht sie in der Hauptmannsuniform und lächelt, wie es sich fürs Kader gehört, in die Kamera. Hauptmann Alessandra Maurer ist eine begeisterte Kadettin. Sie wird das ganze Thuner Kadettenkorps anführen: Zuerst morgen Sonntag beim Umzug von der Progymatte zum Bahnhof, mit dem die eidgenössischen Kadettentage zu Ende gehen. Und dann am 3. Oktober, zum Ausschiesset, wenn der Fulehung zusammen mit den Kadetten die Thuner Innenstadt in Beschlag nimmt.

Wer sich ältere – viel ältere – Aufnahmen von Kadetten anschaut, blickt in ernste Gesichter. Denn die Knirpse im damaligen Progymnasium mussten obligatorisch einem «Schulcorps» beitreten, dessen Zweck es war, die Schüler «an militärische Ordnung und Disciplin zu gewöhnen, und durch Waffenübung zur Vertheidigung des Vaterlandes vorzubereiten». Das stand im ersten Artikel des Thuner Kadettenreglements von 1839.

Buben in Manöverausbildung Solche Ziele verfolgten auch die Knabenarmbrustschützen, die in Thun seit dem 16. Jahrhundert überliefert sind. Schon damals führte Thun ein Ausschiesset durch, und das Knabenschützenhaus stammt aus dieser Zeit. Nur Burgerknaben durften bei den Knabenschützen teilnehmen. Nachdem andere Schweizer Städte jedoch «militärische Knabenexerzierkorps» eingeführt hatten, in denen sich die Dreikäsehochs an moderneren Schusswaffen ausbildeten, unternahmen ab 1815 auch die Thuner mehrere Anläufe, eine solche Organisation aufzubauen.
1839 entstand das heutige Thuner Kadettenkorps, das für die Schüler des eben erst gegründeten Progymnasiums obligatorisch war, dem aber auch andere Thuner Schüler ab neun Jahren beitreten konnten. Die Instruktoren drillten die Buben in Gewehr- und Gefechtsübungen, in Zugs- und Pelotonschule sowie in Manövern. Der Schuldirektor Stähli gab sich im Jahresbericht 1841/42 zufrieden über die gesteigerte Disziplin und den sittlichen Geist der Schüler.

Zwang zu Reformen Immer wieder versuchten die Kadetten, neuen Gegebenheiten Rechnung zu tragen. Sie wechselten Waffen und Uniformen, integrierten den Sport und die Musik, schafften die Gefechte ab,  versuchten es ohne Offiziersgrade, führten sie ein Jahr später aber wieder ein, schafften das Schiessobligatorium ab, machten den Beitritt auch für die Progymnasiasten freiwillig, integrierten die Armbrustschützen in ihr Korps.
Eine der grössten Neuerungen war die Zulassung der Mädchen. «Von etablierten Leuten mussten wir viel Kritik entgegennehmen», sagt Korpsleiter Urs Balmer rückblickend. Ab 1973 konnten die Mädchen in der Musik mitmachen, ab 1979 waren sie überall dabei. 1973 spielten nur gerade zwei Mädchen in der Kadettenmusik. Sie standen einem Gesamtkorps von 488 männlichen Kadetten gegenüber. 1979 traten 91 Mädchen in die Kadetten ein. Auch sie machten angesichts eines Gesamtbestandes von 546 «Mann» eine klare Minderheit aus. Doch ihr Anteil stieg kontinuierlich: 1986 stellten sie mit 224 Korpsangehörigen fast 47 Prozent aller Kadetten.

Mädchen in der Mehrheit 1982 nahmen erstmals Mädchen an den Kaderprüfungen teil, an denen das Punktetotal darüber bestimmt, wer Feldweibel, Leutnant, Oberleutnant oder Hauptmann wird. Es obsiegte mit Eva Katzensteiner ein Mädchen. In den letzten Jahren waren die Mädchen sogar in der Mehrheit – nicht sehr deutlich zwar, aber konstant. Laut Balmer sind aktuell 147 Knaben und 172 Mädchen bei den Kadetten. Bei den Fünftklässlern habe es gerade einen «Schwall» Mädchen gegeben. «Ich würde daraus aber eigentlich nicht eine Tendenz ablesen», sagt Balmer. Bei der Musik bildeten die Mädchen etwa 40 Prozent des Bestandes, wobei für sie die Blasmusik attraktiver sei und für die Knaben die Tambouren.
Mit Alessandra Maurer hat wieder ein Mädchen den Sprung zum Hauptmann geschafft. Ihre Eltern seien beide in Thun aufgewachsen, sagt sie.

Fortgeführte Familientradition Ihr Vater sei zwar nicht bei den Kadetten gewesen, «er hat nicht so einen Bezug dazu». Doch ihr Grossvater und ihr Onkel mütterlicherseits seien begeisterte Kadetten gewesen. Auch ihre Mutter hätte damals gerne mitgemacht, doch sei sie vom Alter her «gerade an der Grenze» gewesen, dass sie als Mädchen noch nicht beitreten durfte. Sie selber sei auch noch Mitglied im Schwimmklub Thun, doch habe das Engagement bei den Kadetten nun Vorrang – die Aufgaben des Hauptmanns nähmen sie auch entsprechend in Anspruch. Balmer ergänzt: «Jemand, der bei den Thuner  Kadetten im Kader war, hat gelernt, seine Sache zu organisieren.» Die Jugendlichen müssten bis zu sieben Termine pro Woche wahrnehmen.
Doch mit Militär hätten die Kadetten «null und gar nüt» zu tun. Die militärischen Grade, die Bezeichnungen «Kompanie» und «Korps» sowie die Uniformen und das freiwillige Schiessen seien lediglich «ein Bezug zur Tradition». Doch der Sport stehe heute ganz klar im Vordergrund. «Wir sind keine paramilitärische Organisation.»

Der Bund, Oliver Portmann [10.09.05]

 

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